Nachhaltigkeit – ein umkämpfter Begriff

Nachhaltigkeit als Begriff ist heute überall zu finden. Für die Einen ist klar was damit gemeint ist, für andere ist die Begrifflichkeit zu nichtssagend und wieder andere sagen, er sei unzutreffend, oder eine falsche Übersetzung aus dem Englischen.  Darlegen, das Nachhaltigkeit als Betrachtungskategorie wichtig ist, und andererseits die Multidimensionalität des Konzepts Nachhaltigkeit nachzeichnet, sowie auf gesellschaftlichen Auswirkungen eingehen. Nachhaltigkeit erzeugt neue soziale und politische Konfliktlinien, die populistisch ausgenützt werden können. Wirtschaft und Politik halten an traditionellen Machtkonstellationen fest. Je nach Ansatz wird die Lösung der Probleme im Ausbau oder Abbau dieser Konstellationen gesehen. Der Diskurs zum Thema findet seit den 1970igern auch auf öffentlicher Ebene statt, die Brisanz hat sich durch das Thema Klimawandeln aber so stark erhöht, das der normative Anspruch als Rechtfertigungsordnung in den  politische Diskurs Eingang gefunden hat.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist nicht neu, anfänglich wurde er in  der Forstwirtschaft und Fischerei (Michelsen/Adomßent 2019) verwendet. Die Beschäftigung mit dem Thema ist für unsere Gesellschaft unabdingbar. In Österreich, im Gegensatz zu Deutschland, gibt es bis jetzt nur wenige Universitäre Ausbildungen die sich dezidiert im Bereich Nachhaltigkeitsforschung bewegen. Da der Begriff der Nachhaltigkeit so umfassend ist, wie der Begriff der Umwelt, ist die Anzahl der Herangehensweisen und Konzepte sehr vielfältig. Maßgebliche Differenzen ergeben sich aus dem Verständnis des Subjekts und den zugeschriebenen  Handlungsmöglichkeiten und normativen Erwartungshaltungen an dieses, und dem Verständnis von Natur und Gesellschaft (Köhler/Wissen 2010) zueinander. Zudem wird durch die unterschiedlichen Zugänge deutlich wie sich Machverhältnisse gestalten, und wer in Lage sein muss, oder sollte die aktuelle Krise zu bewältigen.

Je länger die Beschäftigung mit dem Themenbereich ist, desto klarer wird eines: Die Krisen sind vielfältig, und die Lösungsansätze ebenso. Es gibt nicht die eine große Krise, und einen richtigen Lösungsansatz. Wichtig ist es vielmehr alle Dimensionen von Nachhaltigere Entwicklung in die Lösungsansätze miteinzubeziehen.

The necessary and empirically observable incremental changes need to be linked to the structural (including institutional) political, economic and cultural conditions – and related power relations – under which they take place. Without this, any transformation process remains within the narrow and insufficient corridor of ecological modernisation. (Brand 2016)

Brand und Wissen (2017) haben das Theoriekonzept der Imperialen Lebensweise (#IML) ausgearbeitet. Sie beschreiben die Zusammenhänge der kapitalistisch beeinflussten Lebensweise auf die Gesellschaft, die Natur und Machtverhältnisse im Sinne kapitalistischer Konsum- und Produktionsprozesse. Da die Krisen, mit denen unsere Welt konfrontiert ist, als Auswirkungen dieser Lebensweise wahrgenommen werden können,  eignet sich das Konzept, um Nachhaltigkeitsdiskurse zu analysieren.

Nachhaltigkeit wird als Leitbegriff der notwendigen gesellschaftlichen Transformation wahrgenommen. Er kann ebenso, wie die IML als Betrachtungskategorie verwendet werden. Nachhaltigkeit im Sinne seiner ursprünglichen Definition in der Forstwirtschaft bedeutete sinngemäß: in Auswirkungen zu denken. Welche Auswirkungen hat eine bestimmte Definition von Nachhaltigkeit? Welche Auswirkungen haben bestimmte Nachhaltigkeitskonzepte auf die gesellschaftlichen Verhältnisse? Welche ökologischen Auswirkungen haben diese? Was wird implizit vorausgesetzt?  Fragen die auf unterschiedlicher Ebene beantwortet werden müssen. Neckel spricht sich dafür aus, das der Diskurs öffentlich geführt wird und nicht absolut gesetzt wird. Er analysiert die Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit, im Sinne eine gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Zuschreibungen an den Einzelnen, weniger im Sinne von Ausbeutungsverhältnissen, die unter Berufung auf Nachhaltigkeit durch Rohstoffextraktion, wie im Bereich der Herstellung von Batterien für Elektroautos die Lithiumherstellung hergestellt werden. War die Ökobewegung in Ihren Bestrebungen das Thema Ökologie und Nachhaltigkeit zu vertreten, eine Randerscheinung so ist es heute ein Muss, nachhaltig zu leben. Dieses normative Moment setzt voraus, dass Nachhaltiges Handeln eine eindeutige Sache ist. Vor allem ist es ökologisch vertretbar. Nachhaltiges Handeln und ökologische Vertretbarkeit sind im Diskurs verbunden, Ausdruck davon ist das Konzept des ökologischen Fußabdrucks. Die sozialen Schichten die sich ein nachhaltiges Leben leisten können und wollen, sind meist gut ausgebildet und habe ein gutes Einkommen. Es ergeben sich durch das Paradigma der Nachhaltigkeit neue soziale Konfliktlinien, denn heute ist es eine gesellschaftliche Notwendigkeit nachhaltig zu leben, keine persönliche Entscheidungsfreiheit per se. Liberale Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte sind aber im Kern auf das Thema persönliche Freiheit ausgerichtet, deshalb ist das Umsetzen der notwendigen Transformationsschritte politisch und gesellschaftlich schwierig, politische Kräfte die die gesellschaftlichen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse beibehalten wollen, auf ebendiese persönliche Freiheit anspielen. Die kapitalistische Wachstumsökonomie wird damit nicht infrage gestellt, die Bestrebungen sind, sie grüner aussehen zu lassen, aber das Grundparadigma des stetig notwendigen Wachstums, der notwendig ist zum Systemerhalt, bleibt bestehen. Sichtbar wird dies bei der näheren Analyse der Sustainable Developement Goals (SDGs) die im September 2015 verabschiedet wurden. Obschon sie in ihrer Gesamtheit soziale, ökonomische  und ökologische Vorgaben enthalten, ist der Fokus eindeutig in einer Wachstumslogik zu sehen.Das Konzept der SDGs ist rechtlich unverbindlich und bezogen auf Wirtschaftskonzerne beinhaltet es nur Empfehlungen

Der normative Ansatz von Nachhaltigkeit hat dazu geführt, dass Greenwashing auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zu finden ist. Die Möglichkeiten sich  zertifizieren zu lassen sind inzwischen unüberschaubar, vor allem gibt es keine international einheitlichen Regeln. Verschiedenste Akteure definieren was unter Nachhaltigkeit zu verstehen ist, meisten im Interesse politischer und wirtschaftlicher Prämissen. Nachhaltigkeit ist eine umkämpfte Kategorie. Neckel (2018) beschreibt die Forderung nach Nachhaltigkeit, als neue Rechtfertigungsordnung der Nachhaltigkeit, welche die Wertigkeiten von Praktiken, Objekten und Akteuren bestimmen, dies führt er, wie bereits oben ausgeführt unter anderem zu sozialen Grenzziehungen.

Auf wirtschaftlicher und politischer Ebene ergeben sich dadurch neue normative Legitimationsstrukturen. Diese bewirken, dass auch wenn die Umweltschäden, wie im Bereich der Palmölproduktion und der Rohstoffextraktion, enorm sind, die Handlungsweise mit Notwendigkeiten des Nachhaltigen Handelns verknüpft werden. Die Vorgabe des Brundtland-Berichts das nachhaltiges Handeln zukünftigen Generationen nicht schaden soll, kann also auch missbräuchlich verwendet werden.

Der Film von Werner Boote „The Green Lie“ (2017) zeigt auch, wie speziell im Bereich Palmölindustrie auch Zertifizierungen politischer Institutionen, wie der EU missbraucht werden. Eine der Hauptaussagen des Film liegt darin, aufzuzeigen, dass die Gesellschaft zwar nachhaltig leben möchte, aber eben nur grüner, und mit einem besseren Gewissen, aber im Wesentlichen nicht viel anders und vor allem ohne Abstriche in Bezug auf persönliche Freiheit und Bequemlichkeit.

Die Frage die sich aus den obigen Darstellungen ergibt, ist die Frage nach der Umsetzung Nachhaltiger Strategien und Konzepte. Brand und Wissen (2018) gehen ausführlich in ihrem Artikel „What Kind of Great Transformation?“ darauf ein, indem sie die IML als Referenzpunkt zur Analyse unterschiedlicher Verständnisse von Transformation verwenden. Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen einem strategischen und einem analytischen Ansatz von Transformationskonzepten. Der strategische Ansatz betrifft Macht. und Ordnungsstrukturen auf wirtschaftlicher und politischer Ebene, als Akteure Staaten, int. Regime und Wirtschaftsunternehmen. Der analytische Ansatz fokussiert auf eine sozial-ökologische Transformation. Wichtig wäre, ihren Ausführungen zufolge, eine Verbindung beider Diskurse miteinander, und eine Aufwertung der Sozial-ökologischen Dimension unter Miteinbeziehung aktueller, bereits verwirklichter, oder sich im Umsetzungsstadium befindlicher Projekte, die ein anderes gesellschaftliches Miteinander auf sozialer, ökologischer und ökonomischer Ebene schrittweise realisieren wollen. Was braucht es, damit diese Verbindung funktionieren kann? Neckel spricht sich, wie bereits weiter oben angeführt, für einen öffentlichen Diskurs über Nachhaltigkeit und  die notwendigen Transformationsschritte aus. Um einen öffentlicher Diskurs unter gleich gut Informierten  Beteiligten zu ermöglichen, muss zuerst Informationsgleichheit hergestellt werden. Insofern bestünde die Rolle des Staates darin, die Bürger*innen in die Lage zu versetzen, alle relevanten Informationen barrierefrei zu erhalten. Den der Markt, der aus neoliberaler Sicht immer wieder ein Gleichgewicht herstellt, weil davon ausgegangen wird, dass die Beteiligten sich auf Augenhöge und mit gleichem Wissenstand und Machtkompetenzen begegnen, hat sich in der Realität nie bewahrheitet.

Nachhaltige Entwicklung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die Lebenswelten unterschiedlicher Kulturen, Ressourcen und Möglichkeiten miteinbeziehen muss. Solidarität und Kooperatives Verhalten auf regionaler und internationaler Ebene ist notwendig. Nachhaltiges Handeln muss in verschiedenster Ebene aktiv definiert werden, sodass neue Kulturpraktiken etabliert werden können.

Die Wertigkeiten von Erwerbsarbeit, von Bildung, Produktion, Konsum auf unterschiedlichen Ebenen müssen postkapitalistisch neu gedacht werden. Degrowth, Ernährungssouveränität statt Ernährungssicherheit, genossenschaftliche Organisation von Kommunen, Beschäftigungsgenossenschaften und das bedingungslose Grundeinkommen sind nur einige bereits reale Utopien, Experimente und Bewegung der Gegenwart. Die Sichtbarkeit dieser zu erhöhen, um deren Realisierbarkeit in den Diskurs einzubringen sehe ich als einen wesentlichen transformatorischen Moment, dem im Sinne der Ausgewogenheit der Darstellung der vorhandenen Möglichkeiten von Nachhaltigem Handeln Rechnung getragen werden sollte.

Acosta, Alberto/ Brand, Ulrich (2018): Radikale Alternativen – Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann,  oekom verlag: München

Altmeppen, Klaus-Dieter/ Frank Zschaler/ Hans-Martin Zademach/ Christoph Böttigheimer/ Markus Müller (Hrsg.) Nachhaltigkeit in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft – Interdisziplinäre Perspektiven, Springer Open Access:2017

Brand, Ulrich/ Markus, Wissen (2017): Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, oekom verlag: München

Ulrich Brand (2016): “Transformation” as a New Critical Orthodoxy, in: GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society Jg.2016/1

Köhler, Bettina/Markus Wissen (2010): Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Ein kritischer theoretischer Zugang zur ökologischen Krise

Neckel, Sigard (2018) Die ökologische Distinktion – Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit,  in Neckel, Sighard/ Natalia Besedovsky/ Moritz Boddenberg/ Martina Hasenfratz/ Sarah M Pritz/ Timo Wiegand: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit – Umrisse eines Forschungsprogramms, transcript Verlag, Bielefeld: 59-77

Nowak, Manfred (2015): Menschenrechte. Eine Antwort auf die wachsende ökonomische Ungleichheit, Edition Konturen: Wien Hamburg

Zimmermann, Friedrich M. Hrsg. (2016): Nachhaltigkeit – wofür? Von Chancen und Herausforderungen für eine nachhaltige Zukunft, Springer-Verlag: Berlin Heidelberg

 

Author: d.k.

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